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Strategie & Vision

Produktstrategie entwickeln: in fünf Schritten von der Vision zum Plan

· Redaktion

Hand zeichnet ein Ablaufdiagramm auf ein Whiteboard
Foto: Christina Morillo / Pexels

Eine Produktstrategie beantwortet eine einfache Frage: Wie kommt das Produkt von heute zur Vision? Sie ist kein Foliensatz für die Geschäftsführung, sondern ein Werkzeug, mit dem ein Team täglich bessere Entscheidungen trifft. Ohne Strategie wird jede Anfrage gleich wichtig, und die Roadmap füllt sich mit Wünschen statt mit Wirkung.

Vision, Strategie und Roadmap sauber trennen

Die drei Begriffe werden oft vermischt. Marty Cagan unterscheidet in seinem Beitrag „Vision vs. Strategy“ klar: Die Produktvision beschreibt die Zukunft, die ihr für eure Kunden schaffen wollt, typischerweise mit einem Horizont von mehreren Jahren. Die Strategie ist der Plan, wie ihr dorthin kommt, und legt fest, auf welche Kundengruppen und Probleme ihr euch nacheinander konzentriert. Die Roadmap macht diese Schwerpunkte zeitlich sichtbar. Eine Vision ohne Strategie bleibt ein Wunsch, eine Roadmap ohne Strategie wird zur Funktionsliste.

Schritt 1: Die Vision formulieren

Starte mit einem Satz, der das Ziel aus Kundensicht beschreibt, nicht aus Produktsicht. „Kleine Handwerksbetriebe schreiben Rechnungen in zwei Minuten statt in zwanzig“ ist eine brauchbare Vision; „Wir bauen die beste Rechnungssoftware“ ist es nicht. Hilfreich ist das Product Vision Board von Roman Pichler, das Vision, Zielgruppe, Bedürfnisse, Produkt und Geschäftsziele auf einer Seite zusammenführt. Ausführlich erklären wir das im Glossar unter Produktvision.

Schritt 2: Zielgruppe und Problem schärfen

Eine Strategie wird erst durch Verzicht stark. Lege fest, für welche Kundengruppe ihr in den nächsten zwölf bis achtzehn Monaten baut und welches Problem ihr zuerst löst. Gute Grundlagen sind Kundeninterviews und eine klare Persona. Das Denken in Jobs to be Done hilft, das Problem unabhängig von bestehenden Lösungen zu beschreiben: Welche Aufgabe wollen Kunden erledigen, und woran scheitern sie heute?

Schritt 3: Wertversprechen und Wachstumsrichtung festlegen

Als Nächstes klärst du, warum Kunden euer Produkt den Alternativen vorziehen sollen. Der Value Proposition Canvas von Strategyzer stellt Kundenaufgaben, Probleme und erhoffte Gewinne dem eigenen Angebot gegenüber. Für die Frage, wo das Produkt wachsen soll, ist die Ansoff-Matrix nach wie vor nützlich. Igor Ansoff unterschied 1957 in der Harvard Business Review vier Wachstumsrichtungen:

Bestehende ProdukteNeue Produkte
Bestehende MärkteMarktdurchdringungProduktentwicklung
Neue MärkteMarktentwicklungDiversifikation

Je weiter ihr euch vom Bekannten entfernt, desto höher ist das Risiko. Für die meisten Produktteams liegt der Schwerpunkt deshalb auf Marktdurchdringung und Produktentwicklung. Unser Ratgeber zur Ansoff-Matrix zeigt Beispiele für alle vier Felder.

Schritt 4: Messbare Ziele ableiten

Eine Strategie braucht Ziele, an denen ihr erkennt, ob sie wirkt. Viele Teams nutzen dafür Objectives and Key Results. Google beschreibt in seinem re:Work-Leitfaden, wie ein qualitatives Ziel mit wenigen messbaren Schlüsselergebnissen verbunden wird. Ergänzend kann eine North Star Metric den langfristigen Kundennutzen in einer Zahl bündeln, etwa „pro Woche erfolgreich versendete Rechnungen“. Wichtig ist, dass die Ziele Ergebnisse messen und keine Liefertermine.

Schritt 5: In die Roadmap übersetzen

Erst jetzt wird die Strategie konkret. Statt Funktionen mit Datum zu planen, bewährt sich eine ergebnisorientierte Roadmap, etwa im Format Now, Next, Later. Jede Zeile beschreibt ein Problem oder ein Ziel, nicht eine fertige Lösung. Welche Ideen dort landen, entscheidet ihr mit nachvollziehbaren Priorisierungsmethoden. So bleibt die Roadmap ein Abbild der Strategie und kein Wunschzettel.

Typische Fehler bei der Produktstrategie

  • Zu allgemein: „Marktführer werden“ hilft bei keiner einzigen Entscheidung.
  • Zu viele Schwerpunkte: Wer fünf Zielgruppen gleichzeitig bedienen will, bedient keine richtig.
  • Keine Annahmen benannt: Jede Strategie beruht auf Annahmen über Kunden und Markt. Schreibt sie auf und prüft die riskantesten zuerst, etwa mit einem MVP oder einem Prototyp.
  • Einmal geschrieben, nie überprüft: Plant feste Termine, etwa pro Quartal, an denen ihr die Strategie mit neuen Erkenntnissen abgleicht.

Ein kurzes Beispiel

Ein Team baut eine Terminbuchungs-App für Arztpraxen. Die Vision lautet: „Patientinnen bekommen einen passenden Termin, ohne zu telefonieren.“ Die Strategie für die nächsten zwölf Monate konzentriert sich auf Hausarztpraxen in Städten, weil dort die Telefonleitungen am stärksten überlastet sind. Das Wertversprechen: weniger Anrufe für die Praxis, schnellere Termine für Patienten. Als Ziel definiert das Team, den Anteil online gebuchter Termine in den Pilotpraxen deutlich zu steigern, und legt den genauen Zielwert nach den ersten Messungen fest. Die Roadmap enthält unter „Now“ die Online-Buchung für Standardtermine, unter „Next“ Erinnerungen und Absagen, unter „Later“ die Anbindung weiterer Fachrichtungen.

Fazit

Eine gute Produktstrategie ist kurz, konkret und überprüfbar. Sie verbindet eine klare Vision mit einer bewusst gewählten Zielgruppe, einem Wertversprechen, messbaren Zielen und einer Roadmap, die Probleme statt Funktionen zeigt. Ob sie funktioniert, merkt ihr daran, dass Entscheidungen im Alltag schneller und mit weniger Diskussion fallen.

Quellen